Fashion Victims

Kleider machen Leute. Doch die Leute, die die Kleider anderer Leute machen, bleiben dabei oft auf der Strecke. Während die wachsende Mittelschicht Indiens westlichen Trends hinterherjagt, verschlingt der nimmersatte hungrige Tiger seine Arbeiterklasse zum Wohle des wirtschaftlichen Aufschwungs. Ahmedabad, galt lange Zeit als das Manchester des Orients und auch heute noch schnaufen die dampfenden Maschinen in den Textilfabriken in der Stadt am Sabarmati Fluss und spuken Stoffe aus, die später auf den weltweiten Markt gespült werden. Hier gründete einst Mahatma Gandhi seinen Ashram, saß am Spinnrad und verbreitete die Idee einer Nation der Gleichheit, Toleranz und Gewaltfreiheit. Doch die indische Realität sieht anders aus.

Von den Kindersklaven auf den Baumwollplantagen im ländlichen Gujarat bis hin zu denen, die die schmutzige Wäsche der Betuchten waschen, lassen sich viele Geschichten erzählen, die fernab von Fairtrade oder der schillernden Exotik Bollywoods spielen. Viele der Arbeiter schuften Doppelschichten, um ihren kargen Lohn aufzubessern. Die Armut zwingt sie die unzumutbaren Arbeitsbedingungen hinzunehmen. Das Sonnenlicht sehen viele von ihnen kaum, gesundheitliche Schäden durch den fahrlässigen Umgang mit Chemikalien und Farben oder den allgegenwärtigen Staub, der bei der Arbeit mit Baumwolle entsteht, verkürzen die Lebenserwartung vieler Textilarbeiter, die mittlerweile unterhalb des indischen Durchschnitts liegt.

Eine ausgeprägte Streikkultur, wie im benachbarten Konkurrenten Bangladesch gibt es in Indien nicht. Zu unorganisiert sind die Arbeiter, zu groß ist die Angst vor Existenz bedrohenden Sanktionen durch die Arbeitgeber. Jeder ist ersetzbar und ein Individuum zählt nur wenig in dieser unüberschaubaren Masse von 1,2 Milliaren Menschen. Dennoch werden Gesetzte zum Schutz der Arbeiter und der Umwelt erlassen. Allerdings sind Kontrollen nur schwer umzusetzen im Chaos der indischen Industriestädte und den strukturschwachen ländlichen Gebieten. Hinzu kommt, dass die indische Textilindustrie in ihren gewachsenen Strukturen völlig undurchschaubar verwebt ist und die global Player durch das Outsourcen ganzer Fertigungsstätten ihre Hände in Unschuld waschen können.

Doch Indien verändert sich. Inder sagen, Indien entwickelt sich. Langsam aber sicher. Doch solange Korruption und Habgier diese Entwicklung lenken, wird vom wirtschaftlichen Aufschwung nur wenig dort ankommen, wo es am nötigsten ist. Dennoch ist eine Schuldzuweisung nicht eindeutig möglich, denn letzten Endes sind es auch wir, die die Früchte unserer Geiz ist Geil-Mentalität am Leibe tragen.

 

 

 

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