Pata Rât

Es ist ein unwirtlicher Ort. Im Sommer ein stinkender Moloch, wie man ihn am Rande asiatischer Megacities vermuten würden, im Winter ein Meer aus Schlamm und Müll. Einige Familien leben bereits in der dritten Generation von dem was die Gesellschaft nicht mehr braucht. In den 90er Jahren lebten bereits etwa 200 Menschen in einer kleinen Barackensiedlung, die aufgrund ihrer Klanstrukturen bald “Dallas” getauft wurde. Mittlerweile leben am Rande der städtischen Mülldeponie „Pata-Rât“ von Cluj-Napoca, Rumäniens zweitgrößter Stadt, etwa 1400 Menschen verteilt auf mehrere informelle Siedlungen, deren windschiefe Baracken sich an die sanften transsylvanischen Hügel schmiegen. Die Müllhalde bietet den Einwohnern die einzige Grundlage zum Überleben. Dort sammeln sie mit bloßen Händen das, was sich im Müll noch an Verwertbarem finden lässt. Plastik bringt 70 rumänische Bani pro Kilo, etwa 15 Cent, Metall etwa das Doppelte. Wer verschuldet ist, bekommt weniger für die schmutzige Arbeit. Oft bezahlen die lokalen Chefs, die die Wertstoffe ankaufen, in Lebensmitteln und Zigaretten, die sie zu Wucherpreisen anbieten.

Längst ist die Minderheitenpolitik kein nationales Problem der jüngeren EU-Mitgliedsstaaten mehr. Doch bereitgestellte EU-Fördermittel werden oft aufgrund von Partikularinteressen kommunaler Politiker nicht einmal angefragt, da sie schlicht um ihre Wählerstimmen bangen, sollten sie auch nur versuchen zu einer Besserung der Lebensumstände in den Roma-Slums beitragen. Und so gibt es auch in Pata-Rât noch immer keine Schule, die wenigstens die Mär von der Chancengleichheit durch Bildung aufrecht erhalten könnte. Auch gibt es so gut wie keine medizinische Versorgung, sodass selbst kleine, alltägliche Verletzungen durch rostige Nägel oder Rattenbisse fatale Folgen haben können.

Die meisten Bewohner Pata-Râts haben nicht mal gültige Papiere, was sie faktisch zu Rechtlosen in einem weitestgehend rechtsfreien Raum werden lässt. Durch Überschuldung in feudalistischen Strukturen gefangen, arbeiten sie hier als Leibeigene der lokalen Chefs. “Unter Ceaușescu gab es Fabriken und Arbeit. Wir wollten die Demokratie. Jetzt können wir zusehen, wie die unser Land verkaufen. Und uns gleich mit.” klagt Imre Gheorgenie, einer der wenigen Nicht-Roma auf der Halde. Die, das sind zum einen die Profiteure des neuen wirtschaftlichen Systems, zum anderen sind das Kriminelle, die die wirtschaftliche Not der anderen vor Ort ausnutzen.

“Nie hätte ich gedacht, dass ich jemals so enden würde”, sagt der Mann, der sich nur Gusti nennt, im Vorbeigehen. Und fügt hinzu, “dass das Schlimmste wohl erst noch kommen wird.” Die Deponie soll schließen, sobald die neue Verwertungsanlage im Nachbartal in Betrieb geht.  Der Termin verschiebt sich jedoch stetig seit einigen Jahren. Wann auch immer es soweit sein wird: Neue Arbeitsplätze werden dort vermutlich nicht geschaffen. Gerüchten zufolge sollen dort hauptsächlich Strafgefangene aus dem kommunalen Gefängnis arbeiten und dadurch resozialisiert werden.

 

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