Die Kakophonie des Tages weicht langsam den Geräuschen der Nacht. Ein Mann in abgerissener Kleidung verschwindet unter einer der Hochstrassen, die verstopften Venen gleich das überlastete Herz des Körpers namens Neu-Delhi mit all seinen Geschwüren und Auswüchsen mit Leben versorgen. Auf seiner Schulter trägt er einen Stoffelefanten. Ein Tag wie jeder andere in Kathputli, dem Slum der Gaukler geht zu Ende.

Viele seiner Bewohner sind aus der Dunkelheit ans Licht gekrochen, wie Aravind Adiga, einer der großen zeitgenössischen Literaten Indiens schreibt. Doch auch im Licht fristen sie ein Schattendasein. Umrandet von Metro- und Zuglinien, liegt die Kathputli Kolonie, nahe dem geschäftigen Hochhausvierteln der indischen Hauptstadt Neu-Delhi mit seinen Banken und quirligen Shoppingmalls. Seit einiger Zeit sind die Bewohner immer wieder mit der drohenden Räumung ihres Viertels konfrontiert. Bauland ist teuer im pulsierenden Herzen der Wirtschaftsmetropole und die Besitzlosen werden weichen müssen. Die Entwicklung wird auch hier Einzug halten.

Auf den ersten Blick mutet Kathputli wie ein gewöhlicher Slum auf dem indischen Subkontinent an. Dennoch birgt die Barackensiedlung eine ganz eigene Magie unter der Oberfläche. Elend und Lebensfreude treffen wohl nirgendwo so ungeniert aufeinander wie hier. Die meisten seiner Bewohner teilen ein gemeinsames Erbe: Sie sind die Nachfahren traditioneller Schausteller aus dem westindischen Rajasthan. Unzählige Puppenspieler und Feuerspucker, Akrobaten und Jongleure leben in diesem Viertel, das als einer der dreckigsten innerstädtischen Slums in Delhi gilt, und geben ihm sein besonderes Gesicht. Jeder hier ist jeder selbstständig im Showbuisness. Doch seitdem die Regierung Delhis Auftritte auf der Strasse untersagt, sind die meisten von ihnen arbeitslos und somit ständig mit den unüberschaubaren Problemen ihres Viertels konfrontiert. Einige von ihnen hatten Auftritte in der großen weiten Welt oder wenigstens in den blitzenden Fünfsternehotels am Connaught Place im Neuen Delhi, andere sind hier geboren und kennen nichts, als die bunten Farben, die sich mit denen des Drecks und dem Gestank ihrer unmittelbare Umgebung mischen.

Die wenigen Glücklichen, die an diesem Tag einen Auftritt haben warten unter der Metrotrasse darauf abgeholt zu werden. Die Verbliebenen schlagen die Zeit tot. Wie viele dieser Tage noch kommen werden, weiß niemand so genau. Doch irgendwann wird der letzte Vorhang fallen in Kathputli, dem Slum der Gaukler.